Eine Frage der Schrift – und der Haltung
2025-05-05
Es gibt Entscheidungen, die wirken auf den ersten Blick harmlos. Eine Schriftwahl zum Beispiel. Serif oder Grotesk, geometrisch oder humanistisch, freundlich oder nüchtern. Doch wer in der Gestaltung arbeitet, weiß: Schrift ist nicht neutral. Sie ist Code. Sie ist Kontext. Und sie ist immer auch ein Statement.
Deshalb hat mich ein aktueller Fall irritiert – mehr noch: nachdenklich gemacht. Der Bundesrechnungshof entscheidet sich für eine neue Headline Hausschrift – Antiqua und funktional (Bitter). Alles wirkt professionell und durchdacht. Nur ein Detail fällt auf – oder vielmehr: fällt zusammen. Denn dieselbe Schrift wird auch von einer politischen Partei verwendet, die gerade vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurde.
Nun könnte man sagen: Reiner Zufall. Schrift ist schließlich Allgemeingut. Und die Anwendung sei ja unterschiedlich – dort auf Fließtextebene, hier auf Headline-Ebene. Aber reicht das als Erklärung?
Ich finde nicht. Denn Gestaltung ist nie nur Oberfläche. Sie transportiert Bedeutungen – auch ungewollt. Wenn staatliche Stellen und extremistische Bewegungen plötzlich in derselben visuellen Sprache sprechen, dann ist das kein bloßer Design-Fauxpas. Es ist ein politisches Problem.
Natürlich ist das kein bewusster Gleichklang. Aber genau deshalb ist es so gefährlich. Gestaltung wirkt nicht erst, wenn sie auffällt. Sie wirkt, wenn sie Vertrauen erzeugt, Seriosität vermittelt oder Nähe schafft – genau dort, wo eigentlich Abgrenzung nötig wäre.
Ein Teil des Problems liegt auch in der Demokratisierung von Schrift durch Open-Source-Angebote. Auf den ersten Blick ein Segen: Gute Typografie wird für alle zugänglich, Budgets spielen keine Rolle mehr. Doch gerade diese Offenheit hat auch ihre Schattenseiten. Wenn alle alles nutzen können – nutzen es eben auch alle: Verwaltung, Bildung, Marken, Bewegungen. Und manchmal eben auch solche, von denen man sich bewusst abgrenzen möchte. Open-Source-Schriften tragen keinen Schutzmechanismus in sich. Sie sind frei – auch für Vereinnahmung.
Was also tun?
Designerinnen müssen sich ihrer Verantwortung bewusster werden. Und Auftraggeberinnen ebenso. Schriftwahl ist keine rein ästhetische Entscheidung. Sie ist eine kulturelle – und oft auch eine politische. Gerade öffentliche Institutionen sollten sich dieser Tragweite stellen. Wer heute gestaltet, prägt das Bild von morgen.
Design ist nie Selbstzweck. Und gerade Designerinnen können durch Aufmerksamkeit Orientierung schaffen – wenn sie es wollen.